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Präsident Harmid Karzai – wenn ein Vasall plötzlich aufmuckt PDF Drucken E-Mail
Veröffentlicht am 17.04.2010

Nicht schlecht staunten mit Sicherheit etliche US-Vertreter über die Worte des afghanischen Präsidenten Harmid Karzai Anfang April. Karzai, einst einzig durch rigorose US-Unterstützung ins afghanische Präsidentenamt gehievt, findet plötzlich vor 1.500 Stammesältesten deftige Worte für seine bisherigen Gönner. Gleich eine ganze Serie von Vorwürfen und Drohungen ließ der aufgrund seines wohl sehr räumlich begrenzten Einflussbereiches als „Bürgermeister von Kabul“ betitelte Karzai, ganz offensichtlich zumindest von den afghanischen Stammesangehörigen mächtig unter Druck gesetzt, gegen die westlichen „Verbündeten“ los. Unter anderem legte er für die anstehende US-geführte Offensive im Raum Kandahar plötzlich große Bedenken ein. Es solle sogar ein Mitspracherecht der Stammesältesten als Entscheidungsträger geben, forderte er – die USA reagierten entsetzt. Laut Angaben eines verlässlichen Vertreters der Stammesversammlung ging Karzai noch wesentlich weiter: „Wenn Ihr und die internationale Gemeinschaft mich noch mehr unter Druck setzt, dann, das schwöre ich Euch, werde ich mich den Taliban anschließen.“

Was treibt diesen Mann, der seine gesellschaftliche Stellung einzig den nunmehr plötzlich missliebigen westlichen Mächten insbesondere der USA verdankt, zu solcher Provokation seiner Förderer. Karzai, 1957 in Kandahar geboren, entstammt einer traditionellen afghanischen Königsfamilie. Er studierte bereits mit 21 Jahren an westlich orientierten Universitäten in Indien und schloss seine Ausbildung bereits in den USA ab. Ganz im Sinne der westlichen Wertegesellschaft, die Freiheiten von Liberalismus und Kapitalismus in vollen Zügen genießend, gründete er ein florierendes Unternehmen und unterstützte zu Zeiten der sowjetischen Intervention die Mudschahidin finanziell recht großzügig. Ende der 80`er Jahre, die Lage in der Heimat war weitestgehend geklärt, kehrte er dorthin zurück und erntete den Lohn seines großzügigen finanziellen Einsatzes. Karzai wurde ab 1992 für zwei Jahr Vize-Außenminister. In den unruhigen durch die Taliban bewirkten Umsturzzeiten  konnte er nur bis 1996 bestehen, dann musste er flüchten – bezeichnender Weise in die Botschaft der UNO. Später versuchte er aus Pakistan den Widerstand gegen die Taliban – mit erheblicher US-Unterstützung – zu organisieren.

Sofort nach den Vorfällen am 11. September 2001 war Karzai zur Stelle und wurde so bereits im Dezember 2001 – nach dem Einmarsch der USA - zum Präsidenten der afghanischen Übergangsregierung ernannt. Diesen Posten ließ er sich fortan nicht mehr streitig machen und wurde so 2004 durch massiven Druck der USA mit einer Stimmenzahl von 55 % zum Präsidenten gewählt. Ähnlich wie diese Wahl verlief wohl auch seine Wiederwahl in 2009, laut einem UN-Report kam es zur Abgabe von mehreren hunderttausend zu Gunsten Karzais gefälschter Stimmen. Sein stärkster Kontrahent, dem er eigentlich in einer Stichwahl entgegentreten hätte müssen, zog seine Kandidatur darauf resigniert zurück. Karzai und seine einflussreichen Hintermänner haben das Prinzip westlicher Werte und die Ausübung westlicher Demokratieverhältnisse sehr schnell verinnerlicht.

Dazu noch zwei Sachen am Rande: Die afghanische Regierung, allem voran Harmid Karzai, muss sich seit geraumer Zeit Vorwürfe aufgrund der völlig ausbleibenden staatlichen Drogenbekämpfung anhören (wir berichteten in diesem Zusammenhang bereits in vorhergehenden Artikeln). Nicht unbegründet, denn Afghanistan ist trotz 9jähriger Besatzung weltweit führend in der Produktion von Drogen. Der größte Drogenproduzent und – schmuggler des Landes man höre und staune: Ahmed Wali Karzai, der ehrenwerte Bruder des Harmid Karzais.  Ahmed Wali Karzai ist zudem Vorsitzender des Provinzrates Kandahar, eben der Region in der sein Bruder einer US-Offensive, die sich wohl auch gegen die großflächige Drogeninfrastruktur dort wenden soll, plötzlich sehr ablehnend gegenüber steht. Der „Spiegel“ berichtete gar im Oktober 2009 davon, dass Ahmed Wali Karzai für und mit dem CIA arbeitet.

Zudem soll Karzai vor 2001 als Berater für den riesigen US-Energiekonzern Unocal tätig gewesen sein.  Die Tätigkeit ist sehr brisant da Unocal führend an der geplanten riesigen Gaspipeline von Turkmenistan über Afghanistan nach Pakistan beteiligt ist. Diese Versorgungslinie ist den USA sehr wichtig, da sie den finanziellen Gewinn der Ausbeutung der Energiereserven am Kaspischen Meer übernimmt. Die USA beginnen so indirekt mit der Förderung von Gasressourcen die direkt vor der Tür Russlands liegen. Gehörten doch die heute selbstständigen Staaten wie Turkmenistan und Kasachstan ehemals zur UdSSR. Außerdem wird durch die Pipeline auch die Gasversorgung Pakistans, als einen der wichtigsten und sogar mit Atomwaffen ausgestatteten US-Basisstützpfeiler in der weiteren Region gewährleistet. Die entsprechenden Verträge wurden bereits mit den Taliban verhandelt, konnten jedoch erst nach der amerikanisch gesteuerten Machtübernahme unter der Übergangsregierung – man höre - Karzai im Jahr 2002 unterzeichnet werden.Zurück zur Tagespolitik: Ist Karzai tatsächlich nur, aufgrund monatelanger Kritik vor allem durch Barrack Obama kurzzeitig die Hutschnur gerissen? Zuletzt wurde der afghanischen Regierung die Kritik durch ihren mächtigen Stützpfeiler in Form der USA wohl eindeutig zu viel. Oder hat er auf Druck der Stammesältesten, ohne deren großflächige Unterstützung er wohl trotz über 85.000 ausländischer Söldner im Land schlecht bestehen könnte, gehandelt um (für sich) zu retten was zu retten ist? Die Stammesältesten waren beispielsweise im aktuellen Jahr wiederholt sehr verärgert über immer wiederkehrende „Fehler“ der Besatzer (vor allem der rigoros vorgehenden US-Truppen) die auch das Ansehen in weiten Teilen der Bevölkerung fortwährend wesentlich negieren.

Beispiel hierfür:  Im Februar wurden innerhalb einer Woche versehentlich durch NATO-Flugzeuge fast 50 Afghanen durch Bordwaffen und Bomben getötet, darunter sogar 7 afghanische Polizisten. Erst am 05. April waren auf diese Art wieder vier Afghanen (darunter zwei Frauen und ein Kind) getötet worden. Zudem werden wiederholt bei Bodenoperationen unbeteiligte Zivilisten (selbst schwangere Frauen und Kinder) erschossen. Das diese Vorfälle keine guten Eindruck hinterlassen dürfte wohl klar sein.

Fakt ist, die USA machen Karzai & Co. öffentlichkeitswirksam enormen Druck um das eigene, unruhig gewordene Wählerpotenzial in der Heimat ruhig zu halten. Nicht nur die Bevölkerung Deutschlands spricht sich in der großen Mehrheit für eine Beendigung der Intervention in Afghanistan aus. Deshalb soll die Regierung Karzai, wie in der der letztjährigen Afghanistan-Konferenz beschlossen, zeitnah die vollständige Verwaltung einschließlich Militär- und Polizeiverwaltung übernehmen um vor allem den zeitnahen Truppenabzug der westlichen Staaten zu gewährleisten. So wird es jedenfalls öffentlichkeitswirksam durch die beteiligten Regierungen gern, oft und ausführlich geäußert.

Zudem geht es bei der westlichen Kritik an Karzais Arbeit auch um die Eindämmung des Drogenanbaus und die Bekämpfung der Korruption – Vorhaben die vielen heute gewichtigen afghanischen Herrschaften mit Sicherheit zuwider sein werden.

Afghanistan bleibt folglich auch vor den Äußerungen Harmid Karzais weiter, was es seit jeher ist und was immer wieder ausländischen Okkupanten in letztem Zug das Bein brach: ein für die übrige Welt uneinnehmbarer Landstrich dessen Bevölkerung immer wieder eigene Wege geht und die eine (ausländische) Fremdkontrolle grundsätzlich dann verwehrt, wenn der Eigennutzen zu entschwinden droht. Ist Herr Karzai diesbezüglich vielleicht den Heilsbringern in Form der westlichen Welt schon einen Schritt voraus? Man darf gespannt sein…

 

 

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